Ein Projekt startet: Eine einwöchige Tour durch die Ostalpen!

 

Bisher hatten wir, egal ob in den Alpen oder in Deutschland, Reisen organisiert, deren Tagestouren immer denselben Anfangs- und Endpunkt hatten. Früh morgens fuhr die Gruppe los und kehrte abends ins selbe Hotel zurück.
Mit der Ostalpentour hatten wir uns etwas Besonderes vorgenommen. Wir wollten möglichst viele berühmte Pass- und Höhenstraßen quer durch die Ostalpen erklimmen. Und dazu waren täglich nicht nur bis zu 300 Streckenkilometer und mehr angesagt, sondern wir waren auch gezwungen, täglich die Hotels zu wechseln. Letzteres setzte voraus, dass jeder sein Gepäck für die ganze Woche auf dem Roller selbst mitnehmen musste, denn ein Begleitfahrzeug als Kofferträger und Lumpensammler war allein schon aus Kostengründen tabu, um die gesamt 1800 Kilometer Fahrstrecke zu bewältigen. Geschadet hat’s niemanden und der ein oder andere hat wohl in dieser Woche die Erfahrung gemacht, dass man auch mit wenig auskommen kann, um glücklich zu sein. Und wir waren stolz darauf, im Vorfeld überhaupt gute Hotels und Unterkünfte gefunden zu haben, deren Wirtsleute bereit waren, eine so große Rollerfahrergruppe für nur einen Tag aufzunehmen.

Sonntag, 17. Juni 2012: Trotz oder vielleicht auch wegen der Fußball-Europameisterschaft finden sich 15 Teilnehmer + Tourguide verteilt auf 13 Roller auf der Bodenseehütte hoch über Balderschwang ein. Die Tour ist ausgebucht. Mehr Zimmer gibt es nicht. Die meisten sind von weit her auf Achse angereist. Bremsen, Kassel, Nordhausen, Duisburg, Köln sind die weitesten Anfahrten. Nur wenige kommen mit dem Trailer und lassen ihr Auto für die Woche hier stehen. Viele der Roller sind hubraumstark: Burgman 650, Silverwing 600, NC 700 Integra, Satelis 500, dazu gesellen sich Piaggio MP3 und Roller mittlerer Leistungsstärke. Die schönste ist eine Vespa GTS 300. In Rot natürlich. Auf ihr reisen Erich und Hermine. Das Gepäck für zwei findet unter der Sitzbank und im Topcase Platz. Die beiden sind gut organisiert und wie sich im Laufe der Woche herausstellt, ist diese Tour längst nicht die größte und weiteste Reiseunternehmung, die die beiden mit der Vespa schon hinter sich gebracht haben. Hut ab!
Nach dem zünftigen Abendessen draußen vor der Hütte folgt noch die obligatorische Lagebesprechung des Tourguides für die Woche, Kartenmaterial wird ausgeteilt und jeder erhält sein „SCOOTOUR Ostalpen“-Poloshirt. Der Wetterbericht sagt für die komplette Woche bestes Sommerwetter voraus. Hoffen wir mal, dass es stimmt. Mit einem malerischen Sonnenuntergang und unter ständigem Kuhgebimmel geht der Tag zu Ende.

Montag, 18. Juni 2012: Pünktlich um 8:30 Uhr fahren 13 Roller zu Tal. Schon jetzt ist es ordentlich warm und es soll noch richtig heiß werden. 340 Kilometer liegen vor uns. Über den Riedberg- und Oberjochpass geht es quer durchs Allgäu zum Hahntennjoch. Kurz vor der Passhöhe schnell eine kleine Kaffeepause und dann weiter ins Inntal. Über den Ochsengarten erreichen wir den Kühtaier Sattel. Dort machen wir im Schatten der Dortmunder Hütte erst einmal Mittag. Die Temperaturen steigen bis hoch in die zwanziger. Wie heiß muss es erst einmal im Tal sein. Weiter Richtung Innsbruck wollen wir über den Zirler Berg ins Karwendelgebirge, doch die Auffahrt ist gesperrt. Wir müssen einen dreißig Kilometer langen Umweg in Kauf nehmen. Erst am Nachmittag erreichen wir die Mautstelle der kleinen Privatstraße, die uns durchs obere Lechtal Richtung Sylvensteinstausee führt. Bei Fall geht es wieder über die österreichische Grenze zum Achensee. Erst mal eine Verschnaufpause bei Kaffee und Kuchen. Sollen wir noch über die Zillertaler Höhenstrasse? Es ist schon 17:00 Uhr. Mal schauen, wie wir vorwärts kommen. In Uderns wird noch einmal getankt. Parallel zu uns bunkert eine alte Dampflok der Zillertaler Bahn Wasser für die Weiterfahrt. Für den Lokführer ist das bei dieser Affenhitze auch keinen Spaß. Wir beschließen, die Zillertaler Höhenstrasse auszulassen. Einige sind schon recht abgespannt und wollen nur noch eine frische Dusche. Wir fahren gleich hinauf zum Gerlospass, wo die Gastwirte schon auf uns warten. Elf Stunden sind wir heute unterwegs gewesen, 360 Kilometer haben wir hinter uns gebracht. Das Abendessen und ein zünftiges Bier haben wir uns verdient. Heute Nacht hören wir kein Kuhgebimmel, dafür rauscht der Bach am Hotel umso lauter.

Dienstag, 19.Juni 2012: Keine Wolke ist am Himmel, als wir um halb neun halb verschlafen den Waldhof verlassen. Über die alte, holprige Gerlosstrasse schaffen wir uns Richtung Mittersill und sind gleich hellwach. Erich jongliert seine Vespa geschickt um (fast) alle Schlaglöcher, während die MP3 eher selten drum herum kommen. Unsere Damen auf den hinteren Plätzen müssen ganz schön was wegstecken. Tapfer! Dann biegen wir ab Richtung Felbertauerntunnel. Kaffeepause? Jetzt noch nicht. „Erst im Virgental“, schlägt der Tourguide vor. Denn im idyllischen Prägraten ist’s viel gemütlicher. Weiter geht es Richtung Süden nach Lienz. Noch einmal tanken, bevor wir Richtung Großglockner abbiegen. Im Putzenhof, einer alten Goldgräberstätte, machen wir Mittagsrast. Die Küche ist nicht die Schnellste und so dauert es etwas, bis wir weiterkommen. Aber die ausgiebige Pause hat uns gut getan. Über eine sehr schmale Nebenstraße, vorbei an Heiligenblut und abseits vom Touristenstrom hangeln wir uns den Glockner hinauf, bis wir wieder auf die Hochalpenstraße treffen. Gemeinsam fahren wir zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe, wo wir einen atemraubenden Blick auf den Pasterzengletscher genießen. Dann freie Fahrt bis zur Edelweißspitze. Auf 2571 Meter treffen wir uns alle wieder. Die Luft hier oben ist dünn und so mancher muss feststellen, dass die Leistung seines Rollers doch merklich in die Knie geht. Die Sicht und das Alpenpanorama hier oben ist gigantisch, perfekt das Wetter und so lassen wir uns Zeit und genießen den Ausblick, bevor wir an die Talfahrt denken. Doch jetzt geht uns die Zeit aus. Wir verzichten auf den Dientener Sattel und steuern stattdessen direkt St. Johann an, wo wir übernachten werden. Auf der gemütlichen Sonnenterrasse unseres Hotels lassen wir den Abend ausklingen. Bei wohligen Temperaturen wird es an diesem Abend spät, bevor wir ins Bett gehen.

Mittwoch, 20. Juni 2012: Heute wollen wir eine halbe Stunde früher los. 361 Kilometer soll die Tour lang werden, wenn alles klappt. Die Nockalm-Höhenstrasse steht auf dem Programm. Schon um 8:00 Uhr verlassen wir St. Johann Richtung Osten, um zunächst über den Sölkpass (1788m) zu rauschen. Gerade die Südrampe mit ihren abenteuerlichen, engen Kehren ist ein Erlebnis. Richtung Tamsweg scheint die Welt in den 60er Jahren stehen geblieben zu sein. Kleinste Sträßchen schlängeln sich durch die liebevolle Landschaft, vorbei an urigen Gehöften und hübschen Holzhäusern. Eine Baustelle versperrt uns mal wieder den Weg und so müssen wir noch einen Umweg in Kauf nehmen, bevor wir an der Mautstation zur Nockalm-Höhenstrasse bei Innerkrems ankommen. Auf 35 Kilometern schlängelt sich die hochalpine Straße durch eine scheinbar unberührte Natur, wären da nicht so manche rücksichtslose Motorradfahrer, die das Idyll durch Krach und rennfahrerisches Gehabe stören würden. Einer von ihnen wird unserem Hans-Joachim zum Verhängnis. Er schneidet ihn beim Überholen so stark, dass er in den Graben ausweichen muss. Ein paar Verkleidungsteile seiner Silverwing gehen dabei zu Bruch, aber Hans-Joachim passiert zum Glück nichts und er kann auch bald zur Freude aller weiterfahren. Aber irgendwie ist heute der Wurm drin. Nach all den heißen Tagen ziehen im Westen düstere Wolken auf. Vorbei am Millstätter See lassen wir den Weissensee aus, wo wir gern noch einen Kaffee getrunken hätten und suchen unter dem Blechdach eines Gebrauchtwagenhändlers Schutz vor dicken Hagelkörnern. Eine halbe Stunde später ist alles vorbei und trotzdem ist der ein oder andere von uns pitschnass geworden. Noch eine knappe Stunde dauert es, bis wir unser Hotel auf der Gailberghöhe erreichen. Die Wirtsleute sind auf Zweiradfahrer eingestellt. Es wartet nicht nur eine große Garage auf unsere Roller, auch ein Trockenraum für unsere Klamotten ist vorhanden. Das gute Essen entschädigt für so manche Mühe an diesem Tag. Und am späten Abend können wir sogar den Tag wieder auf der Terrasse ausklingen lassen.

Donnerstag, 21. Juni 2012: Hans-Joachim hat sich entschieden, die Tour abzubrechen. Der Schrecken steckt ihm noch immer in den Gliedern. Er will seinen Roller von ADAC abholen lassen und mit der Bahn die Heimreise antreten. Wir verstehen seine Entscheidung, sind aber ein wenig traurig, ohne ihn weiter fahren zu müssen. Bisher fuhren immer Erich und Hermine hinter dem Tourguide, jetzt soll Michael mal nach vorne kommen. Sein 300er Großrad-Honda ist mit einer riesigen Aluminium-Kiste auf dem Gepäckträger bestückt, in der alles verstaut ist. Nicht nur die Klamotten. Seine Frau hat es gut mit ihm gemeint und noch reichlich Lebensmittel dazu gestopft. Man kann ja nicht wissen. Gleich kommen wir über die Grenze nach Italien. Dann könnten wir eigentlich direkt in die Dolomiten düsen. Aber der Tourguide hat einen anderen, viel abenteuerlichen Plan. Ralf und Birgit, die schon oft mit Norbert auf Tour waren, haben schon die ganze Zeit darauf gewartet. „Der muss immer war Verrücktes einbauen. Irgend ‚ne Strecke, wo kein Mensch sonst herfährt“, lachen sie, als Norbert endlich an einem kleinen verbeulten und verrosteten Wegweiser, auf dem kaum mehr etwas zu lesen ist, von der Hauptstraße abbiegt. In Serpentinen windet sich die zerfurchte Straße aufwärts durch den Wald. Risse ziehen sich durch den Asphalt, halbe Krater tun sich auf, mancherorts sind Teile der Straße von Unwettern längst weggeschwemmt. Tief unten am Fuße der Böschung liegen zerknüllt Leitplanken herum. Gruselig ist’s. Immer wieder treffen wir auf Abzweige. Mal geht’s rechts, dann wieder links, bis keiner mehr weiß, wo Norden, Süden, Osten oder Westen ist. Nur der Tourguide kennt sich noch aus. Schließlich treffen wir wieder auf Zivilisation. Mitten in der Einöde ein kleines Dorf mit einer Bar. Espresso gibt’s. Auch Cola und Wasser. Herrlich! Alle sind bei bester Stimmung. Verrückt ist diese Gegend und keine Sau unterwegs. Seit über einer Stunde ist uns kein Auto begegnet und bis zum Passo Rest, der sich in unzähligen Kurven durch bröckeliges Gestein wuselt bleibt das auch so. Gut für Charly, denn sein MP3 mit zwei ausladenden Koffern bestückt, hat die Breite eines Kleinwagens. Und viel breiter ist die Straße auch nicht. Hoch nach Sauris kehrt langsam die Zivilisation zurück, obwohl die Straßen sich noch immer verwegen durch die hochalpine Landschaft ziehen. Am späten Nachmittag erreichen wir weiter westlich die Dolomiten. Über den Tre Croci und Passo Giau erreichen wir ziemlich verschwitzt aber überglücklich Arabba am Fuße der Sella Ronda. Doch vorher werden wir noch eine Nacht hier verbringen. Die Barration Birnenschnaps muss erst noch vernichtet werden.

Freitag, 22. Juni 2012: Nach einem guten Frühstück geht’s gleich auf die Sella Ronda bis nach Canazei. Fürchterlich viele Touristen versperren uns den Weg, obwohl noch lange keine Hauptsaison ist. Auch die vielen Reisebusse Richtung Karerpass sind nicht so leicht zu überholen, obwohl die Gruppe mittlerweile gut aufeinander abgestimmt ist. Wir biegen von der Hauptroute ab, um südlich von Bozen die Autobahn Richtung Verona zu unterqueren, um den Mendelpass in Angriff zu nehmen. Doch vorher müssen wir noch einmal an einer Dorftankstelle tanken. Eine gefühlte Stunde dauert das, bis der Tankwart an der einzigen Zapfsäule jeden einzeln abgefertigt hat. Oben am Mendelpass an der Bergstation zur Seilbahn genießen wir die tolle Aussicht ins Tal Richtung Verona. Nach der Mittagspause ziehen wir übers Gampenjoch vorbei an Meran Richtung Stilfserjoch. Die Sonne brennt vom Himmel. Es ist heiß, schwül und stickig. Am Abzweig in Spondinig hoch zum Stilfserjoch geht erst einmal nichts mehr. Die Konzentration lässt nach und alle brauchen von der Hitze dringend eine Pause. Da kommt es gerade recht, dass eine endlose Kolonne von Oldtimer-Traktoren den Weg hinauf versperrt. Eine Stunde später können auch wir wieder weiter. „Freie Fahrt hinauf“, entscheidet der Tourguide. Jeder soll fahren, wie er gerade lustig ist. Auf 2757 Meter Höhe sehen wir uns alle wieder und genießen noch einmal einen herrlichen Ausblick. Statt direkt über Bormio nach Livigno zu fahren, nehmen wir die Route über die Schweiz. Auf halber Höhe biegen wir auf den geschotterten Umbrail-Pass. Für keinen ein Problem, weil der Boden ordentlich fest gefahren ist. Man kann fast so schnell fahren wie auf Asphalt. Dafür ist der Abstieg ins Engadin umso enger und verzwickter, dass unsere MP3-Fahrer in den engen Kehren richtig schuften müssen. Jetzt noch den Ofenpass nehmen und dann folgt schon der Tunnel nach Livigno. Zentral im Ort liegt unser Hotel. In der hauseigenen Pizzeria lassen wir es uns am Abend richtig gut gehen. Das Personal stellt uns sogar einen großen Flachbildschirm in die Stube, dass wir uns das Viertelfinale der Europameisterschaft anschauen können. Gestern hat die deutsche Mannschaft Tchechien aus dem Wettbewerb gekegelt. Heute verlieren die Polen gegen unsere holländischen Nachbarn. Viel schlimmer aber ist, dass es morgen wieder zurück zur Bodenseehütte geht.

Samstag, 23. Juni 2012: Nach dem Frühstück fahren wir gleich an die Tanke. Livigno ist zollfreie Zone und der Sprit richtig billig. „Haben Sie etwas zu verzollen“, werden wir an der Grenze zur Schweiz am Forcola di Livigno gefragt. Hermine und Erich können darüber nur lachen. Wo hätten sie auch nur eine zusätzliche Briefmarke auf ihrer Vespa unterbringen können. Nach Pontresina fahren wir hinauf zum Albula (2312m). Oben ist es richtig nebelig, dass wir die Hand vor Augen kaum sehen können. Auf der Passhöhe schnell einen Kaffee. Hier ist zumindest die Aussicht auf die knackige Wirtin deutlich besser, bevor wir (leider) wieder hinunter ins Tal müssen. Über den Wolfgangpass (1637m) nähern wir uns Klosters und Landquart, bevor wir zur Mittagszeit Lichtenstein erreichen. Der ganze Verkehr drängt sich durchs Tal, nur wir nicht. Unser Tourguide kennt einen besseren Weg. Über kleinste Sträßchen oben am Hang entlang schauen wir von oben hinunter ins Rheintal mit Blick auf das trutzige Schloss von Vaduz und erreichen durch die Hintertür Rankweil. Brillant! In einem urigen Biergarten gönnen wir uns eine späte Mittagspause. Jetzt ist es nicht mehr so richtig weit. Da wird doch wohl nichts mehr passieren. Doch! Ausgerechnet dem Tourguide kippt bei einer kurzen P-Pause der Roller vom Seitenständer und fällt ihm auf den Zeh, der auch noch mächtig anschwillt. Das Furkajoch schaffen wir trotzdem noch und am frühen Abend hat uns die Bodenseehütte wieder. Der Abend wird lang, sehr lang. Und auch das Kuhgebimmel hat uns wieder.

Sonntag, 24. Juni 2012: An diesem Morgen frühstücken wir nicht schon um sieben. Keiner hat wirklich Eile, obwohl so manch einer noch eine weite Heimreise vor sich hat. Aber irgendwie hat uns die anstrengende und ereignisreiche Woche zusammengeschweißt, nette Bekanntschaften wurden geschlossen, vielleicht auch Freundschaften. Da fällt es schwer, die schöne Runde aufzulösen. Aber vielleicht sieht man sich ja nächstes Jahr auf einer neuen Alpenpässe-Tour wieder. Vielleicht weiter westlich.