Die Überraschungstour

Es sollte heute die längste Tour werden. Über 275 Kilometer. Am Morgen haben wir uns über kleine Nebenstraßen vom Nebelsee aus nach Waren an der Müritz durchgeschlagen. An der Strandpromenade eine kleine Kaffeepause und dem Teiben der Touriste zugeschaut, dazu reger Bootsbetrieb. Dann weiter über Stavenhagen zu den Ivenacker Eichen. Die Stieleichen, auch Tausendjährige Eichen genannt, gehören zu den ältesten Europas. Mittagspause schließlich in Teterow in einem historischen, schön restaurierten Mühlengebäude. Wir wollten noch zum Teterower Bergring in den Heidbergen, der größten Natur-Grasbahnrennstrecke Europas: 1,8 Kilometer lang und mit einer Berg- und Talfahrt in der hügeligen Landschaft, wie auf einer Achterbahn. Seit 1920 werden hier internationale Rennen abgehalten. Zu DDR-Zeiten kamen bis zu 30000 Zuschauer, um die internationalen Größen des Grasbahnrennsports live zu erleben.
Als wir im Fahrerlager auftauchten und unsere Roller abstellten, begrüßte uns ein freundlicher, älterer Herr, der hier offensichtlich zum ansässigen Motorsportverein gehört. Er zeigte Interesse an unserer Gruppeund erkärte uns die Tücken des Bergrings, erzählte von den internationalen Stars, die hier gewonnen oder untergegangen sind. Denn im Gegensatz zu einer klassischen Grasbahnrennstrecke hat der Teterower Bergring nicht nur Links- sondern auch eine Rechtskurve. Wir staunten nicht schlecht ob der vielen Geschichten, die er uns erzählte und als wir uns verabschieden wollten, hatte er noch eine Überraschung für uns parat: "Wollt ihr mit euren Rollern mal über den Berring fahren? Ich fahre mit dem Auto voraus. Aber ihr überholt mich nicht. Klar?" Was soll man da noch sagen. Natürlich wollten wir.
Wir wollten das Ganze natürlich noch im Bild festhalten. Katrin erklärte sich bereit, die Kamerafrau zu spielen und ihren Fuoco im Fahrerlager stehen zu lassen und hinten auf dem TMax Platz zu nehmen. Dann konnte es losgehen. Ein irres Gefühl war das schon, auf der sandigen Grasnarbe über den Ring zu düsen und dabei nicht verkrampft, sondern ganz locker den Lenker zu halten. Mit jedem Meter ging das immer lockerer. Trotzdem kam der Adrenalinspiegel kaum runter, denn die Steilauffahrten, wo man nur noch den Horizont sieht und nicht mehr, was da hinter kommt, hatten es in sich. Und auch die steilen Abfahrten erforderten ganz schön Mut. Den Streckenrekord brachen wir nicht und für unsere Rundenzeit hätte statt einer Stoppuhr sicherlich auch eine Sanduhr gereicht. Aber alle packten die 1,8 Kilometer ohne Probleme und können von sich wohl behaupten, die ersten gewesen zu sein, die mit einem Motorroller über den Bergring fahren durften. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an den "Rennleiter", der uns dieses einmalige Erlebnis ermöglichte. Davon werden wir sicherlich noch in zehn Jahren erzählen.

Wer von den Touren an der Mecklenburger Seenplatte viele, kurvenreiche Strecken erwartet, wird enttäuscht sein. Natürlich gibt es auch hier mit vielen Kurven gespickte Straßen, aber die von Bäumen gesäumte Alleen dominieren und laden geradezu zum Cruisen ein. Alle paar Kilometer tauchen Seen in der hügeligen Landschaft auf, glitzert die Wasseroberfläche wischen den Bäumen wie Silber in  der Sonne. An den zahlreichen Hub-, Dreh- und Zugbrücken kann man den Segel- und Hausbooten zuschauen, Padler und Kanufahrer antreffen, die von Schwerin bis zur Havel die Seenplatte über hunderte von Kanälen durchforsten.
In Himmelpfort mit seinen reedgedeckten Häusern waren wir auch. Und haben den Weihnachtsmann gesucht, der zur Adventszeit Briefe und Weihnachtswünsche hunderttausender Kinder beantwortet. Da war er allerdings nicht. Klar doch, um die Jahreszeit wird er wohl seinen wohlverdienten Urlaub auf Teneriffa geniessen.
Und dann war da noch die Rampensau im Ziegeleipark Miltenberg. Herrchen und Frauchen wollten das fette Tier auf den Feldbahnzug hieven, der zu einer Rundfahrt durch das ehemalige Ziegeleigelände startete. Der Ziegeleipark Miltenberg ist heute ein ansehnliches "Open Air"-Museum, in dem das Brennen von Ziegel bis hin zum Abtransport über die Havel Richtung Berlin anschaulich erklärt wird.

Bleibenden Eindruck bei den Tour-Teilnehmern hinterließen nicht nur die vielen Feldsteinscheunen und -kirchen sowie die alten, herrschaftlichen Gutshöfe, die in jedem zweiten Dorf zu sehen und zu bestaunen waren. Auch das Kopfsteinplaster in den Orten wird so schnell keiner vergessen. Blumenkohlgroße Klötze, die bucklig aneinandergereiht waren. Wo welche fehlten, und das war nicht selten, waren die Lücken meist mit Sand aufgefüllt. Zickzackurs war angesagt und jede noch so komfortable Triebsatzschwinge kam schnell an ihre Grenzen. Wer schneller als 30 km/h fuhr war, mutig oder hatte Knochen aus Stahl.

Nächstes Jahr wollen wir noch mal hin. Es gibt noch vieles zu sehen, wo wir noch nicht waren. Vielleicht dürfen wir ja noch mal ein Ründchen über den Bergring fahren.